Westgang

Der lange Gang des Westflügels kann als Ahnen- und Erinnerungsgalerie des 19. Jahrhunderts der Familie Hohenlohe-Schillingsfürst angesehen werden. Es befinden sich hier zahlreiche Familiengemälde, Erinnerungsgegenstände an den Reichskanzler und seine Gemahlin in Form von Uniformen, Orden und sonstigen persönlichen Utensilien. Des weiteren verweisen einige Ausstellungsstücke auf die politische Tätigkeit des Fürsten Chlodwig.
Gleich rechts ein Gemälde, das den Gemahl der Kaiserin Maria Theresia von Österreich, Kaiser Franz I. Stefan, darstellt. An der Fensterseite zeigt das erste Gemälde den Fürsten Moritz zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1862-1940), den Zweitältesten Sohn des Reichskanzlers, gemalt von Leopold Schmutzler. Fürst Moritz trägt hier die Uniform eines Rittmeisters der Königlich Preußischen III. Garde-Ulanen. Darunter Wedgwoods-Porzellan in der Vitrine.
Gegenüber das Gemälde des ältesten Bruders des Reichskanzlers, Viktor 1. Herzog von Ratibor Fürst von Corvey (1818-1893), von Conrad Freiberg 1893 gemalt. Die Schwester seiner Mutter, Elisabeth, war mit Viktor, dem letzten katholischen Landgrafen von Hessen-Rotenburg vermählt, deren Ehe kinderlos blieb. Nach dem Tod des Onkels am 12.11.1834 fielen seinem Neffen Viktor die Herrschaften Ratibor und Corvey zu, während die Herrschaft Treffurt an der Werra in Thüringen 1840 an seinen Neffen Chlodwig kam. Außerdem kam diesem nach dem frühen Tod seines jüngeren Bruders Philipp Ernst 1845 der Besitz Schillingsfürst zu. Herzog Viktor war sowohl militärisch als auch politisch tätig. So war er unter anderem General, Mitglied des Deutschen Reichtags und erbliches Mitglied des Preußischen Herrenhauses in Berlin, dessen Präsident er auch zeitweise war.
Es folgt das Gemälde des Fürsten Ludwig Adolf Friedrich zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1799-1866), dem Vater der Fürstin Marie, der Gemahlin des Reichskanzlers. Daneben ihr Bruder Peter, der 1887 auf seinem Schloss Kerleon in Frankreich verstarb und dort beigesetzt wurde. Der Leichnam wurde jedoch im Jahr 1893 nach Schillingsfürst überführt und auf dem fürstlichen Privatfriedhof bestattet. Fürst Chlodwig ist auf dem nächsten Gemälde links zu sehen, gemalt von Joseph Bernhardt (1805-1885). Er trägt hierauf die Uniform eines Ritters des Souveränen Malteser-Ritterordens, dessen Mitglied er war. In der Vitrine darunter eine Auswahl aus seinen zahlreichen Diplomaten- und Politikeruniformen aus sämtlichen Jahrzehnten seiner langen politischen Karriere. In der Vitrine ist auch die rote Malteserritteruniform vom darüber hängenden Gemälde zu sehen. In der Fensternische eine Prunkvase der Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur (KPM) Berlin. Auf der Vorderseite zeigt sie das Berliner Palais Radziwill, das später als Reichskanzlerpalais benutzt wurde und somit auch Wirkungsstätte und Wohnung des Fürsten Chlodwig in den Jahren 1894-1900 war. Es wird angenommen, dass die Vase ein Geschenk Kaiser Wilhelms II. an den Fürsten Chlodwig war.
Auf der rechten Seite folgen drei Gemälde der deutschen Kaiser Wilhelm L, Friedrich III. und Wilhelm IL, gemalt von dem bekannten Hofmaler Max Koner. Die Gemälde waren Geschenke der jeweiligen Herrscher an Fürst Chlodwig und dienten seinerzeit zur Ausschmückung seiner Dienst- und Wohnräume. Koner fertigte allein von Kaiser Wilhelm II. 30 Bildnisse. Unter anderem 1890 das offizielle Staatsportrait für die deutsche Botschaft in Paris und für das Statthalterpalais in Straßburg. Das Gemälde aus Straßburg ist hier zu sehen. Koners weitere Auftraggeber entstammten dem Adel, der Berliner Gesellschaft oder es handelte sich um Industrielle.
Links in der Vitrine befinden sich die Orden und Ehrenzeichen, die Fürst Chlodwig im Laufe seines Lebens verliehen bekam. In der Mitte ist der ranghöchste Orden überhaupt zu sehen: das Goldene Vlies des Hauses Habsburg, das ihm, wie auf der dahinter befindlichen Urkunde zu ersehen, von Kaiser Franz Joseph I. von Österreich verliehen wurde. Auf dem roten Band liegend der Hausorden des Gesamthauses Hohenlohe, der Phoenix-Orden. Dieser Orden wird auch heute noch vom Senior des Gesamthauses verliehen, allerdings nur innerhalb der Familie selber. Die Hohenlohes sind übrigens das einzige standesherrliche Haus, das einen eigenen Hausorden besitzt. Philipp Ernst Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst stiftete ihn an seinem 95. Geburtstag im Jahr 1757 in Schillingsfürst. Darunter eine große Sammlung verschiedenster Gedenkmünzen. Links im Schrank eine schöne silberne Kanne, ein Geschenk zur goldenen Hochzeit des Reichskanzlerpaares am 16. Februar 1897. Zum zehnjährigen Dienstjubiläum als deutscher Botschafter in Paris erhielt Fürst Chlodwig 1884 von der dortigen deutschen Kolonie einen Schreibtischaufsatz mit drei allegorischen Frauengestalten aus Silber geschenkt. Die mittlere Figur stellt die Germania dar und ist der Statue des Niederwalddenkmals bei Rüdesheim nachempfunden. Weitere Geschenke in Form von Miniaturen stammen von König Ludwig II. von Bayern, Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria.
Über der Vitrine ist in einer Husarenuniform Konstantin Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1828-1896) auf einem Gemälde seines Schwagers Richard Laudiert (1823-1869) zu sehen. Wie erwähnt war er Erster Obersthofmeister bei Kaiser Franz Joseph I. von Österreich und hat unter anderem während seiner Dienstzeit die Mayerling-Affäre, den Selbstmord des Kronprinzen Rudolf, erlebt. Weiter war er Feldmarschall-Leutnant, General der Kavallerie und Mitglied des österreichischen Herrenhauses. Der Komponist Anton Bruckner hat ihm seine 4. Symphonie („Die Romantische") gewidmet. Prinz Konstantin vermählte sich mit Marie Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, einer Cousine der Gemahlin seines Bruders Chlodwig. Maries Mutter Carolyne unterhielt mit dem Komponisten und Klaviervirtuosen Franz Liszt, der ein großer Freund des Kardinals Gustav Adolf Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst war, eine Liaison und wollte ihn auch heiraten, was jedoch von der Familie ihres geschiedenen Mannes hintertrieben wurde. Zu dem Maler Richard Laudiert, der ein Schüler Cornelius' war, muss noch angemerkt werden, dass sich dieser mit Fürst Chlodwigs Schwester Amalie gegen den Willen ihrer Familie verheiratete. Seinerzeit war solch eine Mesalliance zwischen einer Tochter aus hochadeligem Haus mit einem Bürgerlichen, noch dazu mit einem Künstler, ein Skandal ohne gleichen.
Die Büsten rechts stellen Ludwig Adolf Friedrich Fürst zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg, Fürst Chlodwig und Fürstin Marie zu Hohenlohe-Schillingsfürst sowie Stephanie Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg dar. Fürst Ludwig Adolf Friedrich und Fürstin Stephanie waren die Eltern der Fürstin Marie.
Die Marmorbüste Kaiser Wilhelms II. war wiederum ein Geschenk des Monarchen an Chlodwig Hohenlohe. Eine Büste übrigens, die recht zahlreich vom Hohenzollern-Kaiser als Präsent vergeben wurde. Man sieht sie noch heute des Öfteren in verschiedenen Schlössern, deren Besitzer in kaiserlichen Diensten standen oder aber mit der kaiserlichen Familie verwandt waren. Fürst Chlodwig wurde vom Kaiser, wenn dieser gut gelaunt war, mit „Onkel Chlodwig" angeredet, war der Kaiser verstimmt, wurde der Reichskanzler mit „Durchlaucht" angesprochen. Onkel Chlodwig deshalb, weil die Mutter der Kaiserin Auguste Viktoria, Adelheid Herzogin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, eine geborene Prinzessin zu Hohenlohe-Langenburg und somit eine Cousine des Reichskanzlers war.
Auf der gegenüberliegenden Seite ein chinesischer Kabinettschrank, der früher zur Aufbewahrung von Schmuck und Orden diente. An der Wand links ein Gemälde, das wiederholt den Herzog Viktor I. von Ratibor zeigt, von Joseph Bernhardt. Dieses Mal in jüngeren Jahren in einer preußischen Militäruniform. Die silbernen Körbe in der Vitrine darunter waren ebenfalls Geschenke zur goldenen Hochzeit des Reichskanzlerpaares. Die Offiziersdegen stammen aus dem 1. Weltkrieg. Die Porzellan-Jagdreiter kommen aus Nymphenburg, rechts die Kostbarkeiten aus Porzellan, Glas und Silber sind Erinnerungsstücke an die Fürstin Rosa zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1868-1942). Die blauen Korbvasen auf der Vitrine sind russischer Provenienz. In der Fensternische ein weiteres Geschenk Wilhelm II. an den Fürsten Chlodwig. Eine Prunkdeckelvase, ebenfalls aus der Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur Berlin, die auf der Vorderseite das Portrait des Kaisers, sowie auf der Rückseite zwei Residenzen der Hohenzollern zeigt: das 1950 gesprengte Berliner Stadtschloss und das Neue Palais in Potsdam.
Über der nächsten Vitrine ein Gemälde das den Kardinal Gustav Adolf Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1823-1896), einen weiteren Bruder des Reichskanzlers, zeigt, gemalt wiederum von Richard Laudiert. Er wurde 1849 zum Priester geweiht, war päpstlicher Hausprälat, Obermundschenk des Papstes, Abt des Kollegiatstifts St. Maria in Via Lata, Erzbischof von Edessa, Großalmosenier des Papstes, Domherr von St. Peter, er wurde 1866 Kardinalpriester, 1878 Erzpriester von St. Maria Maggiore sowie 1879 Kardinalbischof von Albano. Da er ein Gegner des 1870 auf dem Vatikanischen Konzil durch Papst Gustav Adolf Prinz zu Hohenlohe-Pius IX. ausgesprochenen Unfehlbarkeitsdogmas in der Glaubens- und Sittenlehre war, blieb er der Abstimmung fern und hatte aus diesem Grund sehr große Schwierigkeiten am Vatikan. Unter Bismarck sollte er deutscher Botschafter am Vatikan werden, was von der Kurie allerdings vereitelt wurde. Während dieser schwierigen Zeiten verließ er vorübergehend den Kirchenstaat und ging zurück nach Schillingsfürst, wo er einige Jahre lebte. Auch mit Papst Leo XIII., zu dessen Wahl er maßgeblich beigetragen hatte, geriet er in Konflikt. Als sein Bruder Chlodwig deutscher Reichskanzler wurde, war er von deutscher Seite als Nachfolger Leos XIII. im Gespräch. Jedoch überschätzte man dabei seine politischen und theologischen Fähigkeiten, sowie die Möglichkeiten eines Kardinals, noch dazu eines Nicht-Italieners, der gegen das Unfehlbarkeitsdogma gestimmt hatte, beim Vatikan zu avancieren. Seine das Vaticanum betreffenden Aufzeichnungen verbrannte er kurz vor seinem Tod. Der Kardinal unterhielt einen weltoffenen Salon in der berühmten Villa d'Este in Tivoli bei Rom, die er vom habsburgischen Herzog von Modena auf Lebenszeit gemietet hatte. Dort galt er als Freund und Förderer hauptsächlich deutscher Künstler.
In der Vitrine das goldene Hochzeitskleid, das die Fürstin Marie anlässlich ihrer goldenen Hochzeit am 16. Februar 1897 in Berlin trug. Auch die hier gezeigten Silbergegenstände waren Geschenke zu diesem feierlichen Anlass. Beachtenswert ist der mit einer schönen Ansicht Schillingsfürsts bemalte Damenfächer. Rechts unten sind Erinnerungen an die Fürstin Aglaie zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1891-1965) zu sehen. Es handelt sich dabei um Gegenstände und Orden aus ihrer Zeit als Krankenschwester im 1. Weltkrieg. Auf dem kleinen Foto ist sie bei einem Lazarettbesuch des letzten österreichischen Kaisers Karl I. zu sehen. Auf weiteren Abbildungen ist das Stammschloss ihrer Familie, Schloss Hartenstein in Sachsen, zu sehen, welches 1945 bei einem Fliegerangriff von amerikanischen Bombern in Brand gesetzt und zerstört wurde. Fürstin Aglaie war eine geborene Prinzessin von Schönburg-Hartenstein und diese Familie besaß in Wien auch ein stattliches Palais, das auf der Schatulle zu sehen ist. In diesem Palais wurde im Jahr 1926 auch der jetzige Fürst Karl Albrecht zu Hohenlohe-Schillingsfürst geboren. Auf dieser Vitrine schöne Blumenkübel aus Ludwigsburger Porzellan. Gegenüberliegend ein Kabinettschrank, in welchem Münzen und Schmuck aufbewahrt wurden.
Darüber ein sehr eindrucksvolles Gemälde von Balo, das die Fürstin Marie im Alter zeigt. Deutlich sind aus diesem Bild Willensstärke, Autorität und Strenge herauszulesen. Charaktereigenschaften, die ihr bis zu ihrem Tod 1897 zu eigen waren. Sie liebte es auch, Personen ihrer Umgebung zu brüskieren und zu erschrecken. Während der Zeit ihres Gemahls als deutscher Botschafter in Paris, ließ sie einmal während eines abendlichen Festes zum größten Entsetzen ihrer Gäste zwei lebendige Bären, die von ihren russischen Besitzungen stammten, an Ketten in den Salon hereinführen.
Neben ihr Zar Alexander I. von Russland (1777-1825), gemalt von George Dawe (1781-1829). Dawe, ein englischer Maler und Kupferstecher, war Kaiserlich Russischer Hofmaler und schuf in neun Jahren in Russland ungefähr 400 Ölportraits von Mitgliedern des Zarenhofes und der russischen Aristokratie. Es folgt das Pendant zum Balo-Gemälde der Fürstin Marie, Chlodwig Hohenlohe-Schillingsfürst. In der letzten Fensternische eine reizende Marmorskulptur eines kleinen Mädchens, das seinem Hund einen eingetretenen Stachel aus der Pfote zieht und von diesem dankbar an der Hand geleckt wird. Neben dem Fenster Theophile Fürstin Radziwill (1791-1828), geborene von Morawska, die Großmutter mütterlicherseits der Fürstin Marie, gemalt von Bogdanowitsch.
Am Ende des Ganges das große Gemälde zeigt den Großvater der Fürstin Marie, den Fürsten Ludwig Adolf Peter zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg (1769-1843), gemalt von Franz Krüger (1797-1857), einem berühmten Portrait- und Tiermaler, der sich besonders auf das Malen von Pferden spezialisiert hatte und deshalb einfach nur Pferde-Krüger genannt wurde. Fürst Ludwig Adolf Peter stand in Diensten König Friedrich Wilhelms III. von Preußen und er war Kaiserlich Russischer Feldmarschall unter Zar Alexander I. Durch seine erfolgreich und mit Bedacht geführten Feldzüge, u.a. machte er sich 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig sehr verdient, wurde er vom russischen Zaren finanziell und mit großen Gütern reich belohnt
